16:02h, Sonntag 08.08.2010
Pilotprojekt von Land und VHS Bielefeld
Höhere Qualifikation für politische Teilhabe
Bielefeld/Düsseldorf. Zwölf Mitglieder des neuen Bielefelder Integrationsrats haben jetzt ein sechswöchiges Weiterbildungsprogramm zu Handlungsfeldern und Umsetzungsstrategien politischer Beteilung absolviert. In einem der vier Module der neu entwickelten Qualifikationsreihe ging es beispielsweise um professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Das Pilotprojekt der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen und der VHS Bielefeld ist landesweit in anderen Städten und Gemeinden auf Interesse gestoßen.
Bundesweit hat heute fast jedes dritte Kind unter zehn Jahren einen Migrationshintergrund. Allein in Bielefeld leben mehr als 96.000 Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Sie stammen aus rund 150 Ländern und sind von unterschiedlicher ethnischer, kultureller, sozialer und religiöser Herkunft geprägt. Vertreten werden sie durch den im Februar für fünf Jahre gewählten Integrationsrat (vorher: Migrationsrat, früher: Ausländerbeirat). Ihm gehören elf Männer und sechs Frauen verschiedener Altersstufen mit überwiegend türkischen, aber auch argentinischen, griechischen, kamerunischen oder syrischen Wurzeln an. Beruflich sind sie als Betriebswirte, Friseurinnen, Kaufmänner, Ingenieure, Pädagoginnen, Soziologen, Techniker, Wissenschaftlerinnen oder Zerspanungsmechaniker tätig.
Zwölf Mitglieder nahmen das von der Landeszentrale für politische Bildung eigens für die neuen Gremien entwickelte Qualifizierungsangebot für Integrationsräte in Anspruch. Für ihre ehrenamtliche Tätigkeit absolvierten sie sechs Wochen lang Abend- und Wochenendseminare, die von neun Dozentinnen und Dozenten der VHS und zwei Expertinnen aus der Kommunalpolitik geleitet wurden – unter Federführung der VHS-Fachbereichsleiterin Annette Wädlich. Der Politologe Yasin Sever als Vorsitzender und Emir Ali Sa? als Geschäftsführer des Integrationsrates begleiteten die Veranstaltungsreihe.
In den vier Modulen wurde die Integrationspolitik der Stadt Bielefeld, die Arbeit in politischen Gremien und die interkulturelle Orientierung in der Kommune thematisiert sowie theoretische und praktische Anleitungen für eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit vermittelt. In der letzten Phase ging es um die gemeinsame Entwicklung von Zielen und Maßnahmen zur Umsetzung. Als Hauptziel soll eine Verbesserung der Schulerfolge inklusive einer Erhöhung des Anteils von Abiturientinnen und Abiturienten unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund erreicht werden. Auch die Einführung von Türkisch und Kurdisch als Fremdsprachen in allen Schulformen ab der sechsten Klasse (als Wahlfach statt Französisch oder Latein) gehört dazu.
Als weitere Zielsetzungen einigte sich die Gruppe auf die Förderung interkultureller Schulen, die Einrichtung einer Bürgersprechstunde zum Integrationsrat und seinen Projekten im Rathaus, die Verbesserung der sozialen und gesundheitlichen Versorgung von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte sowie auf die Erhöhung des Anteils von Migrantinnen und Migranten im öffentlichen Dienst. Darüber hinaus gibt es persönliche Hintergründe für eine Mitwirkung im Integrationsrat. „Ich setze mich für die Gleichstellung der Frau ein“, begründete Dilek Dogan-Alagöz ihr ehrenamtliches Engagement. Nesrettin Akay will besonders seine Bevölkerungsgruppe in der Integration unterstützen, Vorurteile abbauen und ein harmonisches, multikulturelles Zusammenleben erreichen, denn „Integration ist keine Einbahnstraße“. Ismail Ta?, stellvertretender Vorsitzender des Integrationsrates, unterstreicht, dass „Menschen mit Migrationsgeschichte eine Bereicherung für das Land sind“.
In einem Projektfazit lobten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den ganzheitlichen Ansatz des Modellkonzeptes mit seinen ausgewogenen theoretischen und praktischen Anteilen. Zum Abschluss erhielten alle aus der Hand von Annette Wädlich von der VHS Bielefeld Zertifikate. „Politisch partizipieren heißt handeln! Handlungsfelder und Umsetzungsstrategien kommunaler Integrationsräte“, ist das Pilotprojekt mit dem Leitmotiv „Integration durch politische Teilhabe“ überschrieben. In Bielefeld modellhaft erprobt und erfolgreich abgeschlossen, soll es künftig in Kooperationen mit den Volkshochschulen des Landes NRW in möglichst vielen Kommunen Schule machen
kristina.juergenhake
Der Beitrag wurde am Sonntag, dem 08. August 2010 um 16:02 Uhr veröffentlicht und wurde unter Lokales, Startseite abgelegt.
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